Ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang
Steinzeug und Holzbrand gehören seit Jahren zu meinem Alltag – robust, charaktervoll, verlässlich. Beim Porzellan kenne ich mich nicht so gut aus. Das Projekt, über das ich hier schreibe, existiert bisher nur in meinem Kopf. Ob es gelingt oder scheitert, weiß ich nicht. Ob ich meinen selbstgesetzten Termin im Frühjahr 2025 einhalten kann, auch nicht. Ich ahne, dass vieles schiefgehen kann: vom Rohstoff über die Aufbereitung bis hin zum Brand. Und gerade das macht es spannend. Dieser Blog soll die Reise begleiten – ein Abenteuer, bei dem auch mögliche Rückschläge dazugehören können. Am Ende könnte ein Geschirr stehen, das es so bislang nicht gibt: holzgebranntes Porzellan, gedacht für Fine Dining und für Menschen, die diese Ästhetik zu schätzen wissen.
Rückblick: Von der DDR zur Industrie – und wieder zurück
Zu DDR-Zeiten war es normal, Ton selbst aufzubereiten. Es gab kaum fertige Massen, also hatte fast jede Werkstatt ihre eigenen Lösungen und Maschinen. Nach der Wende hieß es dann: „Das rechnet sich nicht – die Industrie kann das günstiger und effizienter.“ Ökonomisch stimmt das, qualitativ war es für mich eine Enttäuschung. Der westdeutsche „Tütenton“ war so unplastisch, so schwer zu drehen, dass ich mich zeitweise fragte, ob ich das Drehen verlernt habe. Erst als ich wieder zu eigener Aufbereitung zurückkehrte, fühlte es sich an wie ein Nachhausekommen. Willi Singleton, ein amerikanischer Kollege, hat diese Entwicklung einmal treffend beschrieben: Für ihn ist industriell hergestellter Ton das keramische Äquivalent zu Supermarkt-Toastbrot – bequem, aber ohne Charakter. Er selbst zieht es vor, „wilden“ Ton aus der Natur zu verwenden, trotz aller Schwierigkeiten in der Verarbeitung. [In meinem Blog habe ich seinen Essay dazu veröffentlicht → Essen, Ton und Spiel]. Vor gut zwanzig Jahren habe ich begonnen, die eingefahrenen Rezepte zu verlassen, mir Analysen verschiedener Tongruben zu besorgen und Mischungen mit Hilfe von Glasur-Rechenprogrammen selbst zu entwickeln. Das war ein langer Lernprozess – aber einer, der sich Schritt für Schritt dann auch ausgezahlt hat. Es kommt eben immer darauf an, wie man rechnet.
Die Suche nach dem perfekten Kaolin
Irgendwann stieß ich auf einen Kaolin aus Sachsen-Anhalt, der so plastisch war, dass er sofort meine Aufmerksamkeit fesselte. Nach mehreren Testreihen wurde er zum Herzstück meines ersten Holzbrandporzellans. Diese Masse hatte besondere Qualitäten: Sie ließ sich gut drehen, reagierte lebendig auf Anflüge im Holzbrand und zeigte bei sehr hohen Temperaturen sogar eine leichte Transluzenz. Genau diese Mischung aus Widerständigkeit und Eleganz machte sie für mich einzigartig.
Doch die Euphorie hielt nicht lange. Einige Jahre später wurde die Grube geschlossen und die Produktion eingestellt. Was bis dahin selbstverständlich verfügbar war, verschwand plötzlich – und ich musste wieder von vorn beginnen. Es dauerte drei Jahre, bis ich in der Tschechischen Republik einen Kaolin fand, der ähnliche Eigenschaften hatte. Trotz unzähliger Berechnungen und Versuche gelang es mir nie, die ursprüngliche Masse eins zu eins zu rekonstruieren.
2016: erste Versuchsserie – was noch nicht passte
2016 habe ich die erste Versuchsserie mit der neuen Porzellanmasse gedreht. Doch die Ergebnisse haben mich nicht überzeugt. Ich hatte unbewusst die Arbeitsweise und das Erscheinungsbild meiner Steinzeugprodukte übernommen. Für Porzellan war das unpassend. Der Aufwand ist höher, das Drehen schwieriger, der Ausschuss größer – deshalb muss das Resultat ästhetisch anspruchsvoller sein.
Ein erster Schritt in die richtige Richtung war immerhin sichtbar: Meine Glasuren wirkten auf Porzellanscherben viel brillanter und farbiger, und das Material reagierte sehr variabel auf Anflüge im Holzbrand. An manchen Stellen im Ofen ergaben sich dramatische Farbspiele von Schwarz über Rot bis zum Weiß – aber das waren auch die Stellen mit der höchsten Ausschussrate. Trotzdem habe ich das Projekt zunächst auf Eis gelegt. Ich habe mich bei den Resultaten einfach nicht wohlgefühlt.

Nun habe ich auch spezielle Holzbrandmassen, die ich auch an Kollegen verkaufe, meine Porzellanmasse gehört dazu. Manche Werkstätten greifen trotz höherer Kosten lieber zu meinen Rezepturen, weil die industriell angebotenen Alternativen für diesen Brennbereich kaum überzeugen. Sie sind zwar billig, aber in der Wirkung oft langweilig und leblos.
Ein unerwarteter Wendepunkt
In diesem Jahr kam es dann zu einer Situation, die den Ausschlag für mein jetziges Projekt gegeben hat. Eine Kollegin hatte Holzbrandporzellan bei mir bestellt – und sich später entschieden, doch nicht alles abzunehmen. Plötzlich stand ich vor der Frage: Was mache ich mit dem restlichen Material? Die naheliegende Lösung war, die Masse einfach selbst zu verarbeiten. Und genau an diesem Punkt hat sich die Idee zu einem eigenständigen Holzbrandporzellangeschirr entwickelt. Ein Geschirr, das es so noch nicht gibt: gedacht als High-End-Produkt für die Gastronomie, insbesondere im Fine-Dining-Bereich, aber auch für „Foodies“, die diese Ästhetik zu schätzen wissen.
Gerade in der deutschen Spitzengastronomie hat Porzellan als „weißes Gold“ traditionell einen besonderen Stellenwert. Es gilt als die „Königsklasse“ des Geschirrs – makellos weiß, elegant, fast unsichtbar, damit die Speisen im Mittelpunkt stehen. In der Praxis der Fine-Dining-Restaurants bedeutet das meist industriell gefertigtes Porzellan, das mit hohem technischen Aufwand produziert wird und eine perfekte Gleichförmigkeit bietet.
Doch genau hier sehe ich den Ansatzpunkt für mein Projekt: ein Porzellan, das eben nicht makellose Gleichförmigkeit imitiert, sondern die Spuren der Handarbeit sichtbar lässt und die Lebendigkeit des Feuers in sich trägt. Handgedrehtes Porzellan ist heute äußerst selten – und gerade deshalb kann es eine Alternative sein, die sich bewusst von der industriellen Einheitlichkeit absetzt. Meine Vision ist ein Geschirr, das Köchen wie Gästen eine zusätzliche ästhetische Ebene eröffnet und das Porzellan wieder als individuelles, künstlerisches Material erfahrbar macht. Mein Projekt ist also ein Abenteuer mit offenem Ausgang. Vielleicht gelingt es, vielleicht scheitere ich auch – aber genau darin liegt der Reiz. Schritt für Schritt möchte ich hier im Blog zeigen, wie mein neues Produkt geschaffen wird – bis zum geplanten Verkaufsstart im Frühjahr in meinem Shop auf der Internetseite und meinem Etsy-Account (der auch erst noch entstehen muss).

Wie ich finde, ist gerade in der Spitzengastronomie die Frage entscheidend, ob ein Teller wirklich handgemacht ist – oder handgemachtes Aussehen nur imitiert. Viele industrielle Hersteller haben inzwischen „handmade look“-Serien auf den Markt gebracht, die jedoch nichts mit der Lebendigkeit und Authentizität eines handgedrehten Geschirrs zu tun haben – viele Köche scheinen aber gar nicht zu bemerken, dass hier ein Widerspruch besteht.
„Es ist kein großer intellektueller Sprung zu sehen, wie widersinnig es ist, Slow Food auf Fast Plates zu servieren.“*
*Korrespondenz mit Ben Richardson am 5. Oktober 2014. Ben Richardson lebt in Sandford, Tasmanien, und betreibt die Ridgeline Pottery. Richardson hielt auf der 2. Europäischen Holzbrandkonferenz in Guldagergaard einen Vortrag über seine Geschirr-Aufträge. – Entnommen aus Mary Ann’s Artikel über das Slow Life: Sie beschreibt, wie Köche und Töpfer weltweit das Maßgeschneiderte und Echte feiern – eine Haltung, die weit über Marketing hinausgeht und zu einer bewussteren, langsameren Lebensweise führt →[Reversing the Trend: A Celebration of the Slow Life].
Mein Eindruck über die letzten Jahre ist jedoch, dass sich die Industrie dieses Trends bemächtigt hat – vielleicht passt dieser Gedanke einfach nicht in unsere Gesellschaft, so, wie sie sich entwickelt hat? Muss sich tatsächlich immer alles auf eine so kurzsichtige Art „rechnen“?
Wie Mary Ann in ihrem Artikel schreibt, brachte es der Philosoph und Kunsthistoriker Ananda Coomaraswamy schon vor Jahrzehnten auf den Punkt:
Lieber ein einziges gut gefertigtes Objekt besitzen – einen Anzug, einen Tisch oder eine Keramik – als sich mit seelenloser Massenware zu umgeben, die weder Freude noch Schönheit bringt. Das Besondere, Handgemachte wird mit Stolz weitergegeben. Und am Ende gilt: Weniger ist mehr – ein Gedanke, den man feiern kann, wenn man das „Slow Life“ lebt.
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